Hinführung, 15.09.2024, 24. Sonntag im Jahreskreis, Mk. 8, 27-35
Paulina Pieper, Akademiedozentin an der Akademie Franz Hitze Haus, Münster
Eine seltsame Szene wird uns im Sonntagsevangelium vor Augen gehalten. Jesus fragt seine Jünger:innen für wen sie ihn halten: Wer bin ich für euch? Was haltet ihr von mir? Was erzählt ihr von mir? Doch vor allem fragt er: Glaubt ihr und habt ihr verstanden, was ich euch versuche über mich zu sagen?
Umso überraschender scheint es, dass er wütend wird, als Petrus antwortet: Du bist der Christus. Eigentlich kann das nicht falsch sein. Doch Petrus glaubt – wie so oft in felsenfester Überzeugung – sehen und sagen zu können, was noch nicht ist. Denn die Verheißung, dass Jesus der Christus ist, also derjenige, der den Tod besiegen und mit dem das ewige Reiche Gottes anbrechen wird, hat sich noch nicht erfüllt. Jesus ist in diesem Moment in erster Linie Menschensohn, ein Mensch wie Du und ich. Petrus liegt nicht grundsätzlich falsch, aber in Jesus Augen geht mit dieser Feststellung offenbar eine Vorstellung davon, was sein „Christus-Sein" bedeutet, einher, die dem entspricht, was Menschen wollen: einen Anführer, einen Herrscher mit Zepter und Krone – vielleicht sogar einen Heerführer mit Macht und Schwert. Daher korrigiert er Petrus, indem er sagt: Im Moment bin ich ein Mensch. Bis ich zu dem werde, was ihr erwartet, muss noch viel passieren – und selbst dann wird es ganz anders sein, als ihr euch vorstellt. Gottes Reich wird wie nichts sein, was ihr kennt.
Er eröffnet eine Spannung, die Menschen seit Anbeginn der Zeiten, auch in Kirche und Christ-Sein bis heute, begleitet: Jesus ist schon da, aber er ist noch nicht der Christus. Was ist und was wird sein? Wer bin ich (hier und heute) und wer werde ich (im Licht der Verheißung) sein? Diese Spannung ist mitunter schwer zu ertragen: da sie nämlich auf die ständig sich neu gestaltende Zukunft gerichtet ist, lässt sie sich weder denkerisch ergründen noch vorwegnehmen oder planen. Leben ist Werden, oder wie die folgenden, Martin Luther zugeschriebenen Sätze es andeuten: Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden. (...) Nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Jesus lädt seine Jünger:innen und uns ein, diesen – seinen – Weg mit unserem ganzen Leben mitzugehen, ihm nachzufolgen, die Spannung zwischen „schon, aber noch nicht" nicht nur zu ertragen, sondern zu gestalten – und im Gehen zu erfahren, was Christ(us)-Sein bedeutet, immer in dem Bewusstsein, dass ich (noch) nicht bin, wer ich sein werde.
Weiterführende Fragen:
Hinführungen der Weggemeinschaften - ein Projekt der missionarischen Pastoral der
Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol
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Kategorie: Hinführung, Lesejahr B
Datum: 15.09.2024
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