15.Sonntag


Für die Weggemeinschaften gibt es hier jede Woche eine kurze Erklärung des Sonntagsevangeliums mit Fragen zum Weiterdenken.

15. Sonntag im Jahreskreis (C), 10.07.2022, Lk 10,25-37, Hinführung
Jozef Niewiadomski, emeritierter Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät Innsbruck

Barmherziger Samariter als Miniatur des göttlichen Antlitzes
Die Szene entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Zweiundsiebzig Jüngerinnen und Jünger hatte Jesus ausgesandt. Inzwischen sind sie auch zurückgekehrt. Berichten von spektakulären Erfolgen (Lk 10,17), werden von Jesus auch seliggepriesen (Lk 10,23f.) Als Gesandter des liebenden Vaters überschritt Jesus inzwischen klar mehrere, von der Tradition festgelegte Grenzen. Machte mit seinen Worten und noch mehr mit seinen Gesten klar, dass es für seine Mission keine Grenzen geben wird. Sei er doch selber „ein Licht, das die Heiden erleuchtet" (vgl. Lk 2,32) Ist aber die Zuwendung Gottes zum Menschen nicht, oder nicht mehr, an die Zugehörigkeit zum „erwählten Volk" und an die penible Einhaltung der Gesetze gebunden? Ein traditionsverbundener Theologe, ein Spezialist in Sachen „Gott und die Menschen", ein Gesetzeslehrer will Jesus aufs Glatteis führen. Stellt ihm deswegen eine Frage, die er auch selber problemlos beantworten kann. „Was muss ich tun, um das ewige Leben tun gewinnen?" Erwartet der Gesetzeslehrer, dass sich Jesus mit seiner Antwort bloßstellt? Doch dieser lässt sich auf die Provokation nicht ein, überlässt deswegen die Antwort demjenigen, dessen Kompetenz außer Frage steht: dem Fragenden selber. Brav zitiert der Experte die zentralen Sätze des Gesetzes über „Gottes- und Nächstenliebe". Einem Schulbuben nicht ganz unähnlich, provoziert der Gesetzeslehrer aber weiter: „Und wer ist mein Nächster?"
Ganz nach dem Motto: „den größten Bildungseffekt erreicht man durch eine sinnstiftende Geschichte", provoziert nun Jesus selber, indem er mit einer meisterhaft konstruierten Geschichte über den „barmherzigen Samariter" auftrumpft (Lk 10,30-36). Ihr unmittelbarer Sinn erschließt sich sofort. Vor allem dann, wenn man die Frage umdreht und danach fragt, wer sich dem armen – in Not geratenen – Menschen als Nächster erwiesen hat (Lk 36). So muss auch der provozierende Gesetzeslehrer mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen den „Nächsten" benennen. Es sei wohl derjenige, der dem leidenden Menschen „Barmherzigkeit" erwiesen hat. Und dies obwohl er selber ein Fremder, als Samariter gar ein „Abtrünniger" ist. Der gesetzestreue Pharisäer würde um ihn auf jeden Fall einen Bogen machen. Die erste Pikanterie der Situation liegt schon in der Tatsache, dass Jesus gerade durch das Gebiet der Samariter gegangen ist, dort auch eine Unterkunft suchte, aber abgewiesen wurde. Seine Jünger sind dadurch derart in Rage geraten, dass sie das vernichtende himmlische Feuer auf die Samariter beschwören wollten, von Jesus aber zurechtgewiesen wurden (vgl. Lk 9,15-56). Und nun wird ausgerechnet ein Samariter durch Jesus in die Rolle des vorbildhaften „Nächsten" gerückt.
So berührend die Geschichte auch sein mag, wenn man sie in Kategorien „bloßer Mitmenschlichkeit" liest, so revolutionär wird sie werden, wenn sie in jenem theologischen Kontext gelesen wird, in dem sie auch erzählt wurde. Dieser Kontext ist ja durch die Frage nach dem ewigen Leben klar umrissen. Dieses Leben ist doch nichts anderes als die göttliche Liebe selbst. Die kurz vor der Geschichte ausgesprochene Koppelung von Gottes- und Nächstenliebe müsste also in beide Richtungen gelten. Die zentrale Frage der Deutung dieses Evangeliums würde demnach lauten: Stellt nicht der „barmherzige Samariter" so etwas dar, wie eine „Miniatur" des göttlichen Antlitzes? Ist also gerade Gott selber nicht dem in Not geratenen Menschen, dem an der Straße des Lebens hilflos Liegengebliebenen „der Nächste" par excellence? Weil er grenzüberschreitend Barmherzigkeit erweist? Und dies, obwohl er von diesem Menschen meist als ein Fremder wahrgenommen, ignoriert, gar gemieden wird? Das Antlitz der Liebe, das uns in der Haltung des „barmherzigen Samariters" aufleuchtet, zeigt also deutlich die zentrale Eigenschaft Gottes dar. Und diese heißt Barmherzigkeit. Und hier liegt eine weitere Pikanterie der ganzen Szene? Ausgerechnet jener gesetzestreue Lehrer, der die Grenzen göttlicher Zuwendung zum Menschen beim gesetzeskonformen Verhalten von Menschen festlegte, vollzieht mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen fundamentale Grenzüberschreitung. Er macht sich auf dem Weg, auf dem er den barmherzigen Gott begegnet, einem Gott, der sich mit bedingungsloser Liebe den am Straßenrand der Lebenswege liegenden Menschen zuwendet: ganz gleich wer sie sind, was sie getan oder auch nicht getan haben. Konsequent wird er erkennen müssen, dass man das ewige Leben nicht durch Einhaltung der Gebote gewinnt, sich vielmehr dieses schenken lassen muss, durch einen Gott, dessen Antlitz in der Haltung des barmherzigen Samariters aufleuchtet.

Fragen zum Weiterdenken:
• Welche Resonanz weckt bei mir die These, dass die Haltung des barmherzigen Samariters eine Miniatur des göttlichen Antlitzes darstellt?
• Kann ich die Kehrtwendung, die der Gesetzeslehrer macht nachvollziehen? Was sperrt sich in mir gegen die darin aufblitzende Radikalität?

 

Hinführungen der Weggemeinschaften - ein Projekt der missionarischen Pastoral der
Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol

 

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Kategorie: Hinführung, Lesejahr C

Datum: 24.06.2022

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