17.Sonntag


Für die Weggemeinschaften gibt es hier jede Woche eine kurze Erklärung des Sonntagsevangeliums mit Fragen zum Weiterdenken.

17. Sonntag im Jahreskreis (C), 24.07.2022, Lk 11,1-13, Hinführung
Jozef Niewiadomski, emeritierter Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät Innsbruck

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Und doch ist sie ein Zeichen dessen, was da kommen kann, oder auch kommen wird. Diese alte Weisheit stößt mir sauer auf, während ich über die Hinführung zum Evangelium (Lk 11,1–13) nachdenke. Was ist passiert? Den knapp gehaltenen, lakonischen Pressemeldungen konnte man am vergangenen Wochenende entnehmen, dass zwei junge Mädchen (zwischen elf und fünfzehn Jahre alt) eine Innsbrucker Kirche am hellsten Nachmittag „verwüstet" haben. Jugendlicher Übermut? Der Streich von pubertierenden Gören? Ausbruch von Frustrationen über das gerade beendete Schuljahr? Oder ein Anzeichen für die, auch unter den Jugendlichen immer mehr aufkeimende, Religionsfeindlichkeit? Seit mehr als zehn Jahren ist der öffentliche Diskurs über die Religion im Allgemeinen und über die Katholische Kirche im Besonderen von diffamierendem Klima geprägt. Die legitime Kritik am Missbrauch hat längst die Grenze der Demagogie überschritten. Soll man sich da wundern, dass die kulturell so notwendige Haltung der Ehrfurcht vor dem, was anderen Menschen heilig ist, der kommenden Generation fremder sein wird als der Mond? Und das Vertrauen auf Gott? Als 70-jähriger römisch-katholischer Priester, der problemlos die Vorurteile über die „polnischen Priester" geschluckt hat, an den Vorurteilen und Blicken, die in ihm nur den potenziellen Kinderschänder gesehen haben, gelitten hat und auch weiterhin leidet, erstarre ich vor dem Zerrbild, das unsere liberale – scheinbar so tolerante – Kultur von Religion und Kirche, damit aber auch von Gott, erschaffen hat. Und im Geist einer derartigen Starre lese ich den Text des heutigen Evangeliums, der – wie kaum ein anderes Fragment der Frohbotschaft – vom Vertrauen auf den „himmlischen Vater" geprägt ist. Größer kann der Kontrast zwischen dem, was unsere Öffentlichkeit, aber auch viele kirchlich gebundenen Gläubige unter Glauben verstehen und dem, was uns der biblische Text zum Thema: „Vertrauen auf Gott" überliefert, nicht sein! Gibt es da eine Brücke?
Jesus hat gerade gebetet, damit auch mit seinem „himmlischen Vater" gesprochen. Durch die Bitte seiner Jünger inspiriert, er möge auch sie zu beten lehren, offenbart er ihnen gleich das Geheimnis des Himmels. Sollte man da nicht sagen: „Zu viel des Guten?" Keineswegs! Denn: Dieses Geheimnis heißt: „Liebe". Mit dem „Abba" (Lk 11,2), einem Lallwort, mit dem sich der Säugling vertrauensvoll an die erste Bezugsperson seines Lebens wendet (also: an Mama oder an Papa), fängt in unserem Text keineswegs bloß ein Schnellkurs in Sachen „beten" und auch nicht ein Basislehrgang zum Thema: Gotteslehre an. Vielmehr outet sich hier Jesus selber als Sohn des himmlischen Vaters, bestätigt auf diese Weise vor seinen Jüngern, damit auch vor der Öffentlichkeit dieser Welt die eigene Sohnschaft. Bisher haben ja nur Andere (Engel, Vater selber, „andere Menschen"), aber auch Dämonen (vgl. Lk 4,41; 8,28) von einer solchen Sohnschaft gesprochen. Das jesuanische Outing hat einen eindeutigen Sinn und auch ein klares Ziel: Er, der geliebte Sohn, nimmt dadurch die Jünger und damit auch uns alle, die wir – seinem Willen gemäß – so zu beten gewillt sind, wie er uns lehrt, in diese Liebesbeziehung von Vater und Sohn mit ein. Deswegen auch die religionsgeschichtlich revolutionär anmutende Ansprache dessen, dem das Gebet gilt: „Vater unser!" Fernab von jedem Kitsch eines harmlosen „Himmelspapi", macht er uns damit zu „religiösen Menschen" bester Qualität. Und warum dies? Der Begriff „Religion" wird von „religare" (binden, aufs Neue binden) abgeleitet. Das – auf den Sohn selber zurückgehende – Gebet bindet uns also immer wieder neu an den, der selber „die Liebe" ist (vgl. 1 Joh 4,16). Es bindet uns aufs Neue an den, der sich in seinem Geist an uns gebunden hat. Und dies ganz gleich, wie wir zu dieser Bindung stehen. Ob wir diese Bindung anerkennen, uns auch mit Freude als Erntehelfer betätigen (vgl. Lk 10,2), oder uns bloß immer wieder nur den Frust von der Seele reden: „Wie der letzte Arbeiter habe ich mich all diese Jahre für dich geplagt. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur die (schon sprichwörtliche) kleine Ziege geschenkt..." (vgl. Lk 15,29). Der liebende Vater bricht seine Bindung an uns selbst dann nicht ab, wenn wir der Bindung überdrüssig, dem „verlorenen Sohn" nicht ganz unähnlich, uns auf und davon machen (Lk 15, 11-13), wie dies momentan wohl die meisten Jugendlichen tun. Wie im biblischen Gleichnis wartet der Vater in seiner grenzenlosen Geduld auf all die „verlorenen Töchter und Söhne", begleitet sie auch – wenn auch meistens unaufdringlich und anonym –, lässt gar den Sohn in seiner Passion in all die Abgründe des „Lebens ohne Gott" hinabsteigen, damit auch dort die göttliche Bindung nicht ganz unterbrochen wird. Die Brücke über den Abgrund des Traditionsbruches, der sich vor unseren Augen immer deutlicher abzeichnet, wird kein Kirchenmanagement bauen. Und schon gar nicht die Förderung der Mentalität der „Berufschristen". Vielmehr ist unser aller Vertrauen auf den „himmlischen Vater" hier gefragt. Und dies mehr denn je. Denn: was heute notwendig ist, ist unsere klare Einstimmung in die Sohnschaft: wir sind seine Kinder! Mit dieser Einstimmung, mit jedem „Vater unser" also, das unsere Lippen und unser Herz aussprechen, wird nämlich der Name des Vaters unter den Menschen „geheiligt". Gleichsam stellvertretend für all jene, die ihre Sohnschaft ignorieren, sich mit mehr oder weniger Gewalt aus der Beziehung der sie tragenden Liebe des Vaters lösen, den Vater gar verhöhnen, damit auch seinen Namen in dieser Welt in Verruf bringen, bauen Christen Brücken über die Abgründe der tagtäglich sich breit machenden Sinnlosigkeit unserer Konsumkultur auf. Und was hat diese theologische Reflexion mit dem Alltag unserer Jugendlichen im Allgemeinen und der – eine Kirche devastierenden – Mädchen im Besonderen zu tun?
Der Traditionsbruch, dem unsere Jugendlichen ausgeliefert sind, hat nicht zuletzt etwas mit dem Verlust des Vertrauens „auf den himmlischen Vater", den „verlässlichen Freund", den man im Gebet um alles Mögliche bitten kann (vgl. Lk 11,5–11). Der große französische Philosoph, Paul Ricoeur, sprach in diesem Zusammenhang gerne von der „zweiten Naivität". Er sah zwar den großen Wert des kritischen Hinterfragens dessen, was der naive kindliche Glaube mit sich bringt. Das Hinterfragen allein und die permanente Destruktion all der traditionellen Bilder und Geschichten, der biblischen und kirchlichen Narrationen – so wichtig sie auch sein mögen – zerstören bloß das Grundvertrauen, wenn sie nicht in eine „zweite Naivität" überführt werden. Diese „zweite Naivität" tut uns allen, tut unseren Kirchen und all den „Berufschristen" Not. Doch ohne sie kann es keine lebensfördernde „religio" – keine Bindung an den „himmlischen Vater" geben. Umso wichtiger ist es, dass wir auch für jene, die selber nicht beten wollen, oder auch nicht beten können, aus dem ganzen Herzen ausrufen: „Vater unser".

Fragen zum Weiterdenken:
• Ich halte inne und überlege, was mir persönlich der Name: „himmlischer Vater" bedeutet.
• Kann ich nachvollziehen, dass die Bitte, „geheiligt werde dein Name", im Grunde auf die Zustimmung in den Status meiner Kindschaft hinzielt?

 

Hinführungen der Weggemeinschaften - ein Projekt der missionarischen Pastoral der
Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol

 

hier als PDF

Kategorie: Hinführung, Lesejahr C

Datum: 22.07.2022

Teilen

Anschrift

Diözese Innsbruck
ZUKUNFT.glauben
Riedgasse 9-11
A-6020 Innsbruck
 
Öffnungszeiten Büro
Mo-Di 08:30 - 11:30 Uhr
Do 08:30 - 11:30 Uhr

zukunft.glauben@dibk.at
Tel.: +43 512 2230 9603 

Impulse

HINFÜHRUNGEN - Erhalte jeden Montag eine kurze Hinführung und drei Fragen zum Evangelium des folgenden Sonntags.

zur Anmeldung

BEWEGUNGSMELDER - Erhalte Informationen über Veranstaltungen in der Diözese und deren Erneuerungsbewegungen 

zur Anmeldung

Infoscreen

Suchen ...

... und finden

GEISTreich - Diözese Innsbruck    
ImpressumLinksammlungDatenschutzKontakt

powered by webEdition CMS