18.Sonntag


Für die Weggemeinschaften gibt es hier jede Woche eine kurze Erklärung des Sonntagsevangeliums mit Fragen zum Weiterdenken.

18. Sonntag im Jahreskreis (C), 31.07.2022, Lk 12,13-21, Hinführung
Jozef Niewiadomski, emeritierter Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät Innsbruck

„Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz." (Ps 90,12) Im Gebet vergewissert sich der Psalmist des Bodens unter seinen Füssen. Er möchte bodenständig bleiben, vom Humus auf dem er steht, nicht abheben und hochmütig, dumm oder aber verbittert werden. (Bemerkung am Rande: Im lateinischen Begriff „humilitas", der ins Deutsche mit „Demut" übersetzt wurde, steckt das Wort „humus"; Demut als Gegenteil von Hochmut ist also nichts anderes als Bodenständigkeit). Warum diese Bemühung des Beters um die „Bodenständigkeit"? Ist er etwa 69 Jahre alt geworden? Gelassen versucht er nämlich zwei Verse vorher festzuhalten: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig". Tagtäglich stößt er auf die Vergänglichkeit und Gebrechlichkeit des Lebens, steht deswegen ständig in Gefahr zu resignieren, oder gar zu verbittern. Er sieht ja, wie das Gras unter der Einwirkung der sengenden Sonne in kürzester Zeit verbrennt (90,6f.). Johannes Brahms ließ sich von diesem Vers des Psalms für sein großartiges „Deutsches Requiem" inspirieren: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen." Deswegen betet – dem Psalmisten nachempfunden – auch der Komponist: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss. Und mein Leben ein Ziel hat. Und ich davon muss."
Eine solche bodenständige Geisteshaltung wird man beim Protagonisten des heutigen Sonntagsevangeliums (Lk 12,13–21) vergeblich suchen. Vielmehr zeichnet ihn eine fast schon zur Karikatur ihrer selbst herabgekommene Dummheit aus; selbst der liebe Herrgott spricht ihn ja mit: „Du Narr!" an (Lk 12,20) Geblendet durch eine gute Ernte, gerät er in einen Stress sondergleichen. So modernisiert er im Nu seinen Hof, reißt die alten Scheunen ab, baut neue auf und wiegt sich in Sicherheit, dass er nun für die nächsten Jahre ausgesorgt hat. Das einzige Ziel, das sein zukünftiges Leben strukturieren soll, ist denkbar einfach. Er will sich nur noch seines Wohlstandes erfreuen und ohne „Wenn und Aber" das Leben genießen. Also bloß essen und trinken und ...; modern gewendet: nur noch auf einer permanenten Luxuskreuzfahrt schlemmen. Und die Moral aus der Geschichte? Schon der Psalm 49 spricht diese unmissverständlich aus. Menschen, die sich bloß auf ihren Besitz verlassen und sich auch ihres Reichtums rühmen, gleichen „dem Vieh, das verstummt". „Geradewegs sinken sie ins Grab" (Ps 49, 7. 13.15). Was nützt also dem Bauer sein ganzer Reichtum, wenn anstelle des erhofften Genusses der plötzliche Tod vor der Tür steht? In unserer Geschichte spricht diese Weisheit Gott selber aus: „Noch in dieser Nacht wird man das Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?" (Lk 12, 20)
Diese allgemein menschlich unmittelbar einleuchtende Logik wird von Jesus selber in anderen Geschichten, die vom Geld und Reichtum im Lukasevangelium erzählen, vertieft. Jesus zeigt dort Alternativen auf, oder aber die absoluten Sackgassen, in die das Leben des „dummen Bauer" führen kann oder auch könnte. Wie könnte also die Alternative aussehen? Man findet sie in der Geschichte vom „klugen Verwalter" und dem wohl noch weiseren Gutsbesitzer (Lk 16,1– 8). Von den Neidern bei seinem Herrn verleumdet, fürchtet der Verwalter, dass er seinen Job verliert. Und was macht er? Er lässt die Schuldner des Gutsbesitzers kommen und halbiert ihre Schulden. Macht sich Freunde mit Hilfe des „ungerechten Mammons", teilt vom verwalteten Reichtum aus, macht also das, wozu die materiellen Güter eigentlich bestimmt sind. Pikanterweise ist es nicht einmal sein eigener Reichtum; das Gut wurde ihm ja nur anvertraut. Der Clou der ganzen Geschichte ist deswegen in der weisen Einstellung des Gutsbesitzers zu sehen: „Der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters" (Lk 16,8). Das „weise Herz" dieses – vom Reichtum gesegneten, und nicht geblendeten – Menschen drängt ihn in letzter Konsequenz dazu, auch anderen an seinem Reichtum Anteil zu gewähren. Deswegen wird er niemals in der absoluten Sackgasse enden, dort also, wo der reiche Mann aus der Geschichte, die ein paar Zeilen drunter erzählt wird, endet (Lk 16,19 – 31). Die Tradition hat diesem Reichen den sinnstiftenden Namen des „reichen Prassers" gegeben. Er besitzt seit eh und je das, was unserem „dummen Bauer" durch die außergewöhnlich gute Ernte zugefallen ist. Er war also schon immer reich, deswegen hat er immer nur an „essen und trinken und ..." gedacht und darin auch den Sinn und das Ziel seines Lebens gesehen. Geblendet durch seinen Reichtum und sein törichtes, weil verstocktes Herz, vermag er nicht zu sehen, dass direkt vor seiner Tür ein Armer sein Dasein fristet. Der arme Lazarus! Vom Hunger und Krankheiten geplagt, stirbt dieser Arme und findet seine ewige Heimat im „Schoß Abrahams" (Lk 16,22). Und auch der Prasser stirbt und landet ... in der Hölle. Oberflächlich betrachtet, rückt der Text dieser Geschichte bloß die Wahrheit von der „ausgleichenden Gerechtigkeit" in den Vordergrund. Tiefer gesehen, sagt er aber viel mehr aus. Paradoxerweise zeigt er die ganze Armut des Prassers, dessen Leben kein Ziel hat. Diese Lebensphilosophie hat auf eine brillante Kurzformel der Prophet Jesaja (Jes 22,13) gebracht, wenn er in kritischer Absicht sarkastisch spottet: „Lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot". Kein Geringerer als der Apostel Paulus selber greift diesen Vers auf und stellt ihn in den Kontext seiner leidenschaftlichen Verteidigung der Wahrheit von der Auferstehung der Toten (1 Kor 15,32b): „Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot". Nun ist aber Christus auferweckt worden! Mehr noch: er hat mit seinen Jüngerinnen und Jünger nach der Auferstehung gegessen und getrunken und das „Herrenmahl" zum Inbegriff der Hingabe gemacht, dessen würdige Feier gar an die Bereitschaft zum Teilen gebunden ist.
Die Bodenständigkeit der Christen zeigt sich also vor allem darin, dass sie gelassen ihren Alltag leben. Sie wissen, dass es ein Ende mit ihnen haben muss, ihr Leben aber ein Ziel hat. Es ist das ewige Gastmahl, von der Gastfreundschaft jenes Gottes bereitet, der selber Liebe ist. Sind sie durch Reichtum gesegnet, so werden sie auch andere daran teilhaben lassen. Und weil sie teilen, teilen können und auch teilen wollen, gleichen sie nicht dem „Vieh, das verstummt. Und geradewegs ins Grab sinkt".

Fragen zum Weiterdenken:
Versuchen Sie sich in die Rolle des „Bauers" zu versetzen und mit ihm zusammen um ein „weises Herz" zu beten. Und zwar in den drei qualitativ anderen Situationen: „gesegnet" durch die gute Ernte; „gestresst" durch die Entscheidung, den Hof zu modernisieren; „schockiert" durch die Stimme Gottes: „Du Narr!"

 

Hinführungen der Weggemeinschaften - ein Projekt der missionarischen Pastoral der
Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol

 

hier als PDF

Kategorie: Hinführung, Lesejahr C

Datum: 29.07.2022

Teilen

Anschrift

Diözese Innsbruck
ZUKUNFT.glauben
Riedgasse 9-11
A-6020 Innsbruck
 
Öffnungszeiten Büro
Mo-Di 08:30 - 11:30 Uhr
Do 08:30 - 11:30 Uhr

zukunft.glauben@dibk.at
Tel.: +43 512 2230 9603 

Impulse

HINFÜHRUNGEN - Erhalte jeden Montag eine kurze Hinführung und drei Fragen zum Evangelium des folgenden Sonntags.

zur Anmeldung

BEWEGUNGSMELDER - Erhalte Informationen über Veranstaltungen in der Diözese und deren Erneuerungsbewegungen 

zur Anmeldung

Infoscreen

Suchen ...

... und finden

GEISTreich - Diözese Innsbruck    
ImpressumLinksammlungDatenschutzKontakt

powered by webEdition CMS