Jesu Herzenswunsch: Einheit


Bei seinem Abschied betet Jesus um die Einheit derer, die ihm folgen. Ein berührendes Gebet, und eine - menschlich gesehen - überfordernde Aufgabe. Predigtgedanken von Bischofsvikar Jakob Bürgler lesen Sie im Link. Bild: Pfingstbild um 1380 (unbekannter "Westfälischer Meister", geschaffen in Osnabrück, Wallraf-Richartz-Museum Köln)

7. Sonntag der Osterzeit / 29. Mai 2022

Joh 17,20-26
20 Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. 21 Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast. 24 Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

 

„Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast." (Joh 17,20-21)
Feierliche Worte. Worte mit großer Bedeutung und Aussagekraft. Worte aus einem Gebet, das Jesus gesprochen hat. Es ist das sogenannte „hohepriesterliche Gebet", das uns der Evangelist Johannes überliefert, ein Gebet, das Jesus zum Abschied von seinen Jüngern betet, kurz vor dem Letzten Abendmahl. Jesus bringt all das vor seinen Vater im Himmel, was ihm am Herzen liegt, was ihm im Herzen brennt. Man könnte sagen: Dieses Gebet lässt uns in das Innerste des Herzens Jesu blicken.
Deshalb noch einmal dieser Ausschnitt: „Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast." (Joh 17,20-21)

Unüberhörbar das Anliegen der Einheit unter denen, die zum Herrn gehören. Mit immer neuem Anlauf, könnte man sagen, bittet und fleht Jesus um diese Einheit, bittet und fleht er darum, dass die Seinen eins sind. Und das ist durchaus verständlich: So schnell passiert es, dass das Band der Einheit zerbricht, so schnell tun sich garstige Gräben auf zwischen Jesus und den Seinen und Gräben innerhalb der Gemeinschaft der Seinen.
Es ist eine der bittersten Sünden der Kirche, diese Einheit nicht bewahrt zu haben – und sie immer neu zu brechen. Obwohl der Herzenswunsch Jesu so klar ist, nehmen wir die Spaltung viel zu schnell und viel zu reaktionslos zur Kenntnis und gehen zur Tagesordnung über. Umso wichtiger: Die ständige Mahnung im ökumenischen Dialog, endlich mit Entschiedenheit und nachhaltig Schritte zur Einheit zu tun.

Die Einheit ist aber nicht nur eine organisatorische Frage. Sie ist nicht nur eine Frage von Strukturen, Kompromissen, Vereinbarungen, oder davon, inwieweit wir einander schonen wollen oder tolerant sind. Die Einheit ist eine Frage der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit. Warum? Weil sie in der Einheit zwischen Jesus und seinem lieben Vater im Himmel gründet. „Wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein..." (Joh 17,21) Und dann noch einmal: „...damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir." (Joh 17,22-23)

Mit fällt da ein Bild ein, das ich sehr gerne mit den Kindern in der Volksschule angeschaut habe. Ein runder Tisch, rundherum die Schar der Jünger, mitten unter ihnen Maria. Die Jünger sind eng beieinander. Die Abstände zwischen ihnen verschwinden fast. Damit wird deutlich: Sie gehören zusammen. Sie leben Schulter an Schulter. Sie brauchen einander. Allein kann niemand verwirklichen, was Jesus gewollt und hinterlassen hat.
Das Besondere an diesem Bild: In der Mitte des Tisches ist eine Hostie gemalt, Jesus Christus, präsent, anwesend mitten unter den Seinen. Das bedeutet: Die Einheit kommt nicht aus der eigenen Leistung, nicht aus dem besten Bemühen – so sehr dies auch wichtig ist. Die Einheit kommt von der Mitte, von Jesus Christus, vom Herrn, der alles zusammenhält.
Und von dieser Hostie in der Mitte ziehen sich Linien hin zu Jüngern, je eine Linie von der Mitte zu jedem Mund. Wer am Mahl teilnimmt, wer die innige Verbindung mit Jesus lebt und pflegt, der wird für die Gemeinschaft der Seinen zum Ferment, zum Kitt, zum Werkzeug, das alles zusammenhält.
Es ist wie beim Rad. Je mehr sich die Speichen der Nabe annähern, desto näher kommen sie sich auch gegenseitig. Das Rad ist eine Einheit, aber die Einheit wird stärker, je mittiger sie wird, je klarer es wird, dass die Nabe alles zusammenhält. Die Einheit der Jünger wird gebildet über die Einheit mit Jesus Christus. Und wer Jesus nahe ist, der ist es auch den anderen. Ein starkes Bild.

Noch ein zweiter Gedanke: Diese Einheit ist kein Selbstzweck. Es geht nicht nur um fromme Gefühle oder um ein inneres Highgefühl oder um Selbstbestätigung. Es geht um ein Zeugnis. Die Welt soll an dieser Einheit ablesen, dass der Vater Jesus ge-sandt hat. Mit anderen Worten: Die Einheit derer, die zu Jesus gehören, soll es den Menschen möglich machen, zu glauben. Kein Wunder, wenn die Zerstrittenheit der Christinnen und Christen als Anti-Zeugnis erfahren wird, als Ärgernis, als Manko, das den Glauben verhindert. Und das nicht nur im Kontext von konfessionellen Streitigkeiten, sondern auch bei Konflikten, Spannungen und Abneigungen innerhalb der einzelnen Gemeinschaften.

Und noch ein letzter Gedanke: Die Einheit aller, die an Jesus glauben, betrifft die ganze Welt, betrifft alle. Immer wieder betet Jesus für alle, für alle Menschen. Die Liebe Jesu zur Welt soll eine Einheit auf den Weg bringen, die alle umfasst, die die ganze Menschheit einbindet. Wir Christinnen und Christen haben eine Aufgabe für alle. Es genügt nicht, sich in den eigenen vertrauten, liebgewonnenen und harmonischen Kreis zurückzuziehen. Die Frohe Botschaft soll alle Menschen erreichen. Sie soll alle Menschen hineinweben in den Resonanzraum der Liebe Gottes. Eigentlich unglaublich, wie weit und umfassend dieser Ansatz des Evangeliums ist.

Deshalb: Bitten wir um Einheit. Beten wir für sie. Und mühen wir uns, überall dort, wo wir einen Beitrag leisten können, dass Einheit wachsen kann.

Jakob Bürgler

Die Predigt finden Sie hier auch als PDF.

 

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