Vom 29. bis 31. März 2026 führte eine Kundschafter-Reise 11 pastoralinnovativ Interessierte aus der Diözese Innsbruck nach Stuttgart. Martin Lesky reflektiert diese Exkursion voller inspirierender Begegnungen und mutiger pastoraler Projekte:
Am Nachmittag des Palmsonntag machten sich 11 Kunschafter:innen aus der Diözese Innsbruck mit dem Pfarrbus von Mühlau und einem E-Auto auf den Weg nach Stuttgart. Erste Station war der Ostergarten Stuttgart, der größte Ostergarten Deutschlands. In den Gewächshäusern einer ehemaligen Gärtnerei wurden Szenen der Ostergeschichte nachgespielt. Zuerst erzählte uns Andi, der Gründer und Initiator des Ostergartens von den Anfängen, wie er sich von Gott bestärkt gefühlt hat, diesen zu gründen, wie er sich entwickelt hat, bis dahin, dass sich heute über 500 Ehrenamtliche hier engagieren, dass der Ostergarten dieses Jahr drei Wochen offen hat und dass über 22.000 Besucher:innen kommen. Andi erfahre ich als eine begeisterte und inspirierende Persönlichkeit.
Nach einer Jause in einem Zelt begrüßt uns der Führer für unsere Gruppe am heutigen Abend, der gleichzeitig unser Erzähler ist. Schon im ersten Raum begegnet uns mit allen Sinnen die Zeit Jesu. Auf einem Marktplatz werden uns Waren angeboten. Wir riechen die Gewürze, hören die Stimmen, uns begegnen Frauen, die ihre Waren anbieten und dann erscheint Jesus, der einen Blinden heilt. Im nächsten Raum das letzte Abendmahl, wir sitzen um einen Tisch und Jesus holt einen Mann aus unserer Gruppe und wäscht ihm die Füße. Beeindruckt hat mich das Ringen des Petrus, sein hadern mit der Situation. Als er dann vor mir stehenblieb, mich an den Schultern schüttelte war ich mir nicht sicher, ob ich jetzt reagieren soll. Da geht es nicht nur um ein Hören, sondern um ein Spüren und Erleben, was damals vor 2.000 Jahren geschah. Bei der Geißelung Jesu blieb Jesu am Boden liegen und wir mussten alle in seiner Nähe vorbeigehen. Das geht nahe. Weitere Räume waren das Kreuz Jesu, das am Boden aufgelegt war, das leere Grab und die Auferstehung, wo jede und jeder von uns in einer ruhigen Phase vier Fragen nachgehen konnte, bis wir am Ende der Führung die Gelegenheit hatten, mit den Schauspielern zu reden, oder mit jemanden ins Gespräch zu gehen oder uns einen Segen abzuholen.
Beeindruckt von diesen Szenen aus dem Leben Jesu fuhren wir in unser Quartier in einem Bildungshaus der Diözese Rothenburg Stuttgart.
Am nächsten Tag besuchte ich mit einem Teil der Gruppe „St. Maria als ...“ Die Kuratorin Ania Corcilius führte uns in die Idee und die Geschichte dieser Kirche ein. „Wir haben eine Kirche, Sie haben eine Idee.“ ladet Menschen ein, ihre Projektideen einzureichen und umzusetzen. Dabei versteht sich die Kuratorin als Kümmerin. Sie spricht mit allen Leuten und organisiert Netzwerktreffen mit allen Akteur:innen rund um die Kirche. Es braucht immer offene Türen. Kuratieren heißt, wo ist etwas im Sinne des Evangeliums und das hat Platz. So wird an einem Nachmittag ein Trampolin in der Kirche aufgestellt. Die Hüpfenden können sich hineinversetzen in die Situation als das „Kind in ihrem Leib hüpfte“. Oder es gab eine Silent Night, eine Meditation, eine Tanzveranstaltung, bei der sich Paare ohne reden finden. Eine Witwe erzählt, beim Tanzen war Gott da, weil ich meinen verstorbenen Mann gespürt habe. So entstehen heilige Bereiche. Dann steht die Bezeichnung „St. Maria als …“ für St. Maria als Kirche, als Raum, als Tanzfläche, als Sehenswürdigkeit, als Galerie, als Marktplatz, als Hof, als Café, als Werkstatt, als Skaterpark, als Theater, als Stammtisch, als Schatz, als Treffpunkt, als Plattform, als Erinnerung, als Installation, als Wetterschutz, als Kulisse, als Aussichtspunkt, als Flohmarkt ...
Die Sozialarbeiterin Dr. Dorothee Steiof, die von der Caritas gezahlt wird, berichtet von ihren Begegnungen mit Obdachlosen auf ganz ungezwungene Art. Sie ist zwei Mal pro Woche bei der Essensausgabe da und ansprechbar. Aufhören heißt auf etwas hören und ansprechbar sein. Dann passiert Begegnung, bei der ich Gast sein darf.
Der frühere Pastoralreferent Andreas Hofstetter-Straka, der dieses Projekt „St. Maria als …“ initiiert und mitaufgebaut hat, berichtet uns von der Präsenzpastoral.
In der Station S – S wie Spiritualität – einem Projekt der Diözese Rothenburg Stuttgart gibt es drei Säulen: Stille und Alltag, Kultur und Musik, Gespräch uns Austausch. Es geht um neue spirituelle Orte und Formate. Wie können Glauben und Leben in Einklang gebracht werden und kann ich mich dafür begleiten lassen? Dadurch entstehen Angebote wie Pilgern, yugum – europäischer Klosteryoga, Herzensgebet ... Es geht darum: Halt machen, auftanken und wieder gut gehen können.
In der evangelischen Stiftskirche gibt es jeden Tag ein Mittagsgebet, das Ehrenamtliche gestalten, um 20 Uhr gibt es eine Abendführung zum Thema Engel, die Kirche wird in der Nacht für Events geöffnet, es gibt eine Gesprächsecke, wo immer zwei Leute da sind, präsent sind. Hier können Leute ihre Anliegen aussprechen und bekommen einen Segen. Als die Flüchtlinge aus der Ukraine mit dem Nötigsten am nahegelegenen Stuttgarter Hauptbahnhof ankamen, wurde kurzerhand einen Kleiderausgabe in den Räumen unter der Kirche eingerichtet. Die Citydiakonin Doris Beck erzählte von berührenden Begegnungen im Zuge ihrer pastoralen Präsenz für die Obdachlosen und Prostituierten im Umfeld der Stiftskirche. Letztendlich geht es um die Haltung präsent zu sein und wach zu sein, was jetzt dran ist. Und dass die Ehrenamtlichen ermächtigt werden, spirituelle und seelsorglich zu arbeiten.
Die Kletterkirche H3 der methodistischen Kirche in Metzingen entstand, als die Kirche zwei Jahre leer stand und die Gemeinde neu gegründet werden sollte. Diese Neugründung wurde mit der Frage verbunden, was ein Mehrwert für die unmittelbare Nachbarschaft sein könnte. Es entstand ein Team von 11 Leuten, das 2005 ein Konzept schrieb mit einem Kostenvoranschlag. Die Kirchenführung der Methodistischen Kirche sagte zu, dass sie die Hälfte der Kosten übernehmen kann, die andere Hälfte musste das Team auftreiben. So entstand die Kletterkirche H3. H3 steht für Hochklettern, Herunterkommen, Halt finden. Ca. 500 Ehrenamtliche engagieren sich hier. Die Leute sind eingeladen, Dinge die sie gerne machen, in Kleingruppen anzubieten. So gibt es neben dem Klettern ambulantes Spielen, Bibelarbeit, Familienrunden und vieles mehr. Die Kleingruppen bestehen nie länger als ein Jahr. Und am Sonntag trifft man sich zum Gottesdienst.
Bei unserer letzten Station in Leutkirch berichtete Benjamin Sigg vom Allgäusegen. Es ist ein ökumenisches Netzwerk, das für Gäste spirituelle, kirchliche, musikalische, künstlerische Angebote auf Dekanatsebene zusammenfasst. Es geht um bewegen, berühren, begegnen. Es ist eine Kooperation aller Pfarren auf Dekanatsebene und dem Tourismusverband, die auf das aufbaut, was da ist und so zu einer Qualitätsentwicklung der Angebote führt.
Auf unserer Kundschafter:innenreise habe ich Stimmen gehört, dass „Kirchengemeinden kapieren müssen, dass wir am Ende der parochialen Struktur sind. Das stößt bei vielen Menschen auf, das erzeugt Spannung.“ Was ich erlebt habe ist, dass sich ehrenamtliche Projekte neben der pfarrlichen Struktur entwickeln, oft ökumenisch, die neue Angebote schaffen, die die Bedürfnisse der Menschen in den Blick nehmen, die auf die Zeichen der Zeit reagieren, die fragen, was jetzt dran ist. Sie versuchen das Evangelium in den Mittelpunkt zu stellen. Hauptamtliche (z.B. der Pastor der Kesselkirche Stuttgart) verstehen sich dabei als Möglichmacher, als Befähiger. Für die Ehrenamtliche gibt es klare Rahmenbedingungen, wie die zeitliche Begrenzung auf ein Jahr, die Beheimatung im Team, sich dort investieren, wo es Spaß macht.
Inspirierende Sätze waren für mich: Alle versuchen, über den Raum hinaus zu denken, größer zu denken; Gastfreundschaft – das Angebot des Kaffees muss so super sein, wie bei einem Barista und dann gibt es vor dem Gottesdienst einen guten Kaffee; es braucht Ehrenamtliche mit Feuer; Projekte finden oft auf Dekanatsebene statt und werden auf Dekanatsebene beschlossen; wenn sich kein/e Ehrenamtliche/r findet, dann findet es nicht statt; von 280 Leuten in der Gemeinde haben 50 eine Prediger:innenbefähigung; alle Christ:innen gemeinsam; ganz natürlich über Gott reden.
Martin Lesky – Leiter PB ZUKUNFT.glauben
Neugierig geworden? Hier findets Du weiterführende Links zu den Stationen der Kundschafterreise:
Ostergarten Stuttgart
St. Maria als …
Station S
Stiftskirche Stuttgart
Kletterkirche H3 Metzingen
Netzwerk Allgäusegen
Autobahnkirche Galluskapelle Leutkirch
Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol
Kategorie: Blog, Missionarische Pastoral
Datum: 04.05.2026
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