Ist Versöhnung möglich?


Gedanken zum Thema Versöhnung

Was fällt Ihnen zum Wort Versöhnung ein? Konkrete Ereignisse oder Erlebnisse?

Mir fällt als erstes das griechische Wort für Sünde ein. Es heißt hamartía und stammt aus der Welt der Bogenschützen. Es bezeichnet den Abstand, um den der Pfeil das Ziel verfehlt. Sünde meint also nicht zuerst moralische Schuld, sondern eine Entfernung von der eigenen Mitte, vom Ziel des Lebens. Versöhnung heißt, wieder näher an diese Mitte heranzurücken – zu Gott, zu mir selbst und zum Mitmenschen.

Als zweites fällt mir die Geschichte von Jakob und Esau im Buch Genesis ein (Gen 33,3-4): Jahre der Schuld, Angst und Trennung lösen sich in einer Umarmung. Versöhnung geschieht hier nicht durch Worte allein, sondern durch Demut, Bewegung aufeinander zu und das Risiko der Verletzlichkeit.

Im Neuen Testament wird Versöhnung radikal vertieft: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“ (1 Kor 5,19). Versöhnung ist nicht nur menschliche Leistung, sondern göttliches Geschenk. Im Vaterunser verbinden sich beide Ebenen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben“ (Mt 6,12).

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) zeigt die Weite dieser göttlichen Versöhnung: Der Vater rechnet nicht auf, sondern läuft entgegen. Und doch bleibt die Herausforderung, auch selbst zu vergeben – nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal (Mt 18,21–22). Versöhnung ist kein Abschluss, sondern eine Haltung, die das Leben immer wieder neu eröffnet

Schließen möchte ich mit der Geschichte von Josef Niewiadomski im Tiroler Sonntag vom 15.01.2026: Das Gerücht machte die Runde: Einer der Mitbrüder sollte gesündigt haben. Der Obere rief die skandalisierte Gemeinschaft in die Kapelle und sagte: „Wisst ihr? Gott steht dem Sünder näher als dem Heiligen!” Die eifrigen, in Askese geübten Mönche schüttelten nur den Kopf. „Wie kann das sein?“, fragten die Skandalisierten. „Ganz einfach“, antwortete der Obere: „Gott ist mit jedem Menschen durch ein langes Seil verbunden. Wenn der Mensch sündigt, dann schneidet dieser Mensch das Seil durch. Doch der liebe Gott lässt den Menschen niemals fallen. So bindet er das Seil neu. Und jedes Mal, wenn er den Knoten neu zusammenbinden muss, wird das Seil halt kürzer. So bringt Gott den Sünder immer näher zu sich. Merkt euch ihr alle, die ihr so heilig tut: Immer und immer wieder schneidet auch ihr durch eure Sünden das Seil durch. Und Gott bindet es immer wieder neu. Deswegen steht er dem Sünder näher als dem Heiligen.“ Ein junger Novize schüttelte nur den Kopf. Er verstand nicht, worin der Kern der gesunden Religiosität liegt. So verkrampfte er sich immer mehr und betete auch eifrig: „Mach, lieber Gott, dass ich dich niemals beleidige!“ Irgendwann erschien ihm der liebe Herrgott im Traum, lächelte ihn an und sprach ganz leise zu ihm: „Dann hätte ich ja keinen Grund dir zu vergeben!““

 

Mag. Martin Lesky, Leiter des Pastoralen Bereiches ZUKUNFT.glauben

 

Diözese Innsbruck, www.geistreich.tirol

 

Kategorie: Blog, Missionarische Pastoral

Datum: 16.03.2026

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