Wie heute glauben?


Begreifen. Bedenken. Bezeugen. Drei Wege des Umgangs mit dem Glauben. Erschlossen aus dem heutigen Evangelium des dritten österlichen Sonntags. Gedanken dazu von Bischofsvikar Jakob Bürgler können Sie im Link finden.

3. Sonntag der Osterzeit / 18. April 2021

Lk 24,35-48
35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. 36 Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen? 39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. 40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41 Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? 42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; 43 er nahm es und aß es vor ihren Augen. 44 Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. 45 Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften. 46 Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen 47 und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem, 48 seid ihr Zeugen dafür.

 

Ich muss es zugeben. Mit dem heutigen Bericht über die Auferstehung tue ich mich nicht ganz leicht. Die Begegnung mit Maria von Magdala im Garten, die Emmausjünger, die Erzählung von Thomas: Diese Berichte sprechen mich sehr an und be-wegen mich. Sie finden leicht in mein Herz.
Aber die eigenartige Bemerkung, dass dieser Besuch kein Geist sei, und dass er vor ihren Augen einen Fisch isst: Das klingt eigenartig und ist für mich gar nicht leicht zugänglich.
Und dennoch: Beim Nachdenken über das heutige Evangelium sind mir drei Gedanken gekommen, die mir einen Zugang eröffnen. Drei Gedanken, die für mein Leben eine Bedeutung haben. Drei Gedanken, die meinen Glauben prägen. Drei Worte: Begreifen. Bedenken. Bezeugen.

Begreifen
Das Wort begreifen kommt heute indirekt und direkt im Evangelium vor. Direkt, wenn Jesus zu den Seinen sagt: „Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht." (Lk 24,39) Also: Die Jünger dürfen und sollen angreifen, berühren, mit den Fingern ertasten. Begreifen im wörtlichen Sinn. Sie sollen leibhaft erfahren, dass ihr Herr und Meister da ist, ganz wirklich, körperlich, mit Haut und Haaren, mit Fleisch und Knochen.
Wir Menschen brauchen das Begreifen, damit wir verstehen. Kinder lernen die Welt erkennen, indem sie sie begreifen, angreifen, mit dem Tastsinn erfassen. Die Liebe eines Menschen erfahren Liebende, wenn sie den anderen umarmen, berühren, mit ihrer Haut erfühlen, be-greifen.
Aber: Es gibt noch die andere Bedeutung von „begreifen". Den übertragenen Sinn. Die geistige Bedeutung. Auch so könnte man die Aussage des abendlichen Besuchers im Kreis der Jünger verstehen: „Fasst mich doch an und begreift..." (Lk 24,39). Begreift! Versteht! Denkt logisch! Nützt eure Gehirnzellen! Setzt euer Denken ein!
Begreifen. Wörtlich und geistig verstanden. Die Jünger erfahren, dass ihr Herr lebt, indem sie seine Gegenwart und seine Botschaft begreifen. Aber dennoch: Der tiefste Kern ist das nicht. Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, hat einmal gesagt: „Es ist nicht so wichtig, Gott zu verstehen als ihm zu vertrauen..." Letztlich wird es den Jüngern nicht anders ergangen sein. Bei allem Begreifen mussten sie einen Schritt des Vertrauens tun, einen Sprung ins Vertrauen. Das Begreifen ist ein Zugang, das Vertrauen ist der Schlüssel.

Bedenken
Immer wieder wird in den Berichten nach der Auferstehung Jesu erzählt, dass der Herr den Seinen den Sinn der Heiligen Schrift erschließt. Dass er sie mit der Bedeutung der Bibel vertraut macht. Dass er ihre Augen öffnet für den großen Schatz und den starken Inhalt, den sie birgt.
Bei den Jüngern, die zum leeren Grab kommen heißt es, dass sie die Schrift noch nicht verstanden haben. Bei den Emmausjüngern deutet der Fremde das Schicksal Jesu aus der Schrift. Und heute: „Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften. Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben..." (Lk 24,45-46).
Jesus, der Auferstandene, wird nicht müde, den Schatz der biblischen Tradition zu heben, ihn verständlich zu machen, ihn als Deutungshorizont zu erschließen, für das, was geschieht, was als Sinn hinter allem steht, was das Leben ausmacht, was Bedeutung hat.
Zum Begreifen im geistigen und geistlichen Sinn, zum Verstehen, zum Vertrauen, gehört also, dass man die Zusammenhänge der Bibel erkennt. Dass einem die Worte der Heiligen Schrift aufleuchten und einleuchten. Dass man die Zusammenhänge der biblischen Zeugnisse sieht und nachvollziehen kann.
Und das bedeutet: Es gehört zum Glauben an Jesus, den Auferstandenen, dass ich die Bibel verwende, nicht nur daheim habe. Dass ich in ihr lese, dass ich den Sinn ihrer Botschaft zu verstehen versuche, dass ich ihre Botschaft als Deutungsrahmen für mein Leben verstehe. Deshalb: Bedenken. Die Heilige Schrift bedenken.

Bezeugen
Begreifen. Bedenken. Und das dritte Wort: Bezeugen. Das Bezeugen bildet in ge-wisser Weise den Rahmen des heutigen Evangeliums. Am Anfang wird erzählt, dass die Emmausjünger heimkommen und erzählen, was sie erlebt haben und wie sie Jesus erkannt haben. Sie geben ein Zeugnis.
Und ganz am Schluss ist wieder vom Zeugnis die Rede: „Angefangen in Jerusalem, seid ihr Zeugen dafür." (Lk 24,48) Schon interessant: Dieser verschreckte Haufen, das Häufchen Elend, diese mitgenommene Truppe: Sie sollen Zeugnis geben. Wenn das nicht eine Überforderung ist!
Zeugnis geben. Der Glaube kann nur weitergegeben werden, wenn er bezeugt wird. Wenn ihn Menschen mit ihrem Leben und Tun bezeugen. Wenn sie ein Beispiel geben in Wort und Tat.
Während in früheren Zeiten, in einer einheitlichen und geschlossenen Gesellschaft, das Weitergeben und Bezeugen beinahe lückenlos funktioniert hat, ist es heute eine starke Herausforderung. Deshalb: Wir brauchen ganz dringend lebendige, erfüllte, begeisternde, authentische Zeugen des Glaubens.
Und da geht es nicht darum, dass wir andere Menschen bedrängen, ihnen zu nahe treten, sie überrumpeln oder ihnen eine Last auferlegen. Es geht darum, ihnen die Schönheit und Freude des christlichen Glaubens zugänglich zu machen. Nur: Wie geht das? Eine gute Frage zum Mitnehmen: Wie kann ich meinen Glauben heute bezeugen?

Jakob Bürgler

Diesen Text gibt es auch als PDF.

 

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