Suchen und finden - und was Ostern damit zu tun hat


Alle sind auf der Suche. Maria von Magdala. Die Jünger. Und sie finden - teilweise. Gedanken von Bischofsvikar Jakob Bürgler zum Evangelium des Ostersonntags finden Sie im Link.

Ostersonntag / 4. April 2021

Joh 20,1-18
1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; 4 sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. 5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. 6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 7 und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 8 Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. 9 Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. 10 Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück. 11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. 12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. 13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn ge-legt haben. 14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. 16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

 

Alle sind auf der Suche. Maria von Magdala. Sie macht sich auf den Weg, um das Grab aufzusuchen und um Jesus zu beweinen. Sie sucht den, den sie so lieb hat. Sie sucht seine Nähe. Sie sucht einen Ort, um ihren Tränen freien Lauf lassen zu können. Aber: Er ist nicht da. Sie findet ihn nicht.
Die beiden Jünger Petrus und Johannes. Sie laufen um die Wette zum Grab. Was suchen sie? Ja, was suchen sie eigentlich? Sie sind verwirrt. Durcheinander. Der tote Leib ihres Meisters ist weg. Suchen sie einen Toten? Oder suchen sie mehr? Johan-nes findet. Er findet Leinenbinden. Auch Petrus findet Leinenbinden. Dazu noch das Schweißtuch. Aber sonst?
Johannes geht in das Grab hinein. Und dann heißt es: „Er sah und glaubte." (Joh 20,8) Was hat er gesehen? Vielleicht doch einen Lebenden? Aber der ist ja gar nicht da! Johannes sieht und glaubt. Hat er etwas gefunden? Und: Was hat er gefunden, sodass er zum Glauben kommt? Die beiden kehren bald wieder nach Hause zurück. Es scheint fast so, als ob sie nicht allzu viel gefunden hätten.
Die Erzählung kehrt zurück zu Maria. Der Fremde fragt sie: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?" (Joh 20,15) Und er nennt ihren Namen: Maria. Maria sucht. Und es fällt ihr wie Schuppen von den Augen. Sie findet den, den sie ersehnt hat. Sie findet ihren Meister. Und doch: Sie muss ihn wieder loslassen. „Halte mich nicht fest..." (Joh 20,17) Finden geht immer nur ganz kurz.
Suchen und Finden. Suchen und Finden gehört ganz wesentlich zum Osterfest. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir als Kinder am Ostersonntag auf die Suche gegangen sind. Auf die Suche nach einem Osternest. Der Osterhase hatte es versteckt. Und wir freuten uns riesig, als wir das Nest fanden!
Suchen. Das Suchen geht mir nach. So oft wird in der Bibel vom Suchen geredet. Als die ersten Jünger im Johannesevangelium Jesus nachgehen, fragt dieser sie: „Was sucht ihr?" (Joh 1,38) Und später im Garten Getsemani wieder fast die gleiche Frage: „Wen sucht ihr?" (Joh 18,4) Was sucht ihr? Wen sucht ihr? Und als viele Menschen kommen, um Heilung zu finden, suchen die Jünger Jesus: „Und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich." (Mk 1,36)
Was suchen die Menschen? Das frage ich mich oft. Was suchen die Menschen, die in ihrem Herzen eine religiöse Sehnsucht tragen? Was suchen jene, die weit weg scheinen von Glaube und Kirche? Was suchen diejenigen, die das Leben voll auskosten und genießen wollen, weil es in ihren Augen ihre letzte Chance ist? Was suchen Menschen, die bitteres Leid zu tragen haben und schwer am Leben knabbern?
Die Frage nach dem Suchen. Immer wieder habe ich an sie gedacht in den langen Monaten der Pandemie. Da war so viel Unerwartetes und Schweres, so viel, was Angst ausgelöst und verunsichert hat, was Selbstverständlichkeiten erschüttert hat. Und jetzt, nach einem guten Jahr, wollen die Leute nur noch, dass endlich alles vorbei ist, dass sie wieder in das normale Leben einsteigen können, dass das, was zu einem guten Leben gehört, wieder möglich ist. Sie wollen leben.
Was suchen die Menschen? Und: Finden sie dabei den Lebenden, den Auferstandenen? Oder bleiben Ratlosigkeit und Leere die einzigen Erfahrungen? Spüren sie bei allem, was so nüchtern und alltäglich und mühsam ist, dass sich bei ihrer Suche ein Spalt auftut? Ein Spalt in eine Welt, die mehr ist und mehr bieten kann als „Hauptsache wir haben es fein"?
Wie können wir Menschen so begleiten, dass sie finden? Dass sie mehr finden. Dass sich ihnen ein neuer Horizont auftut. Wie geht das?
Papst Franziskus hat in der Osternacht dazu aufgerufen, auch in Glaubensfragen neue Wege zu beschreiten. Denn es gäbe zu viel „Erinnerungsglauben", so als gehöre Christus der Vergangenheit an. Ein lebendiger Glaube sei keine „Antiquitätensamm-lung". Denn Jesus lebe, hier und jetzt. Wenn der Lebende nicht bei und in uns lebt, dann kann er auch nicht als lebendig und existenzrelevant erlebt und weitergegeben werden. Wie können wir selber inniger suchen und finden, damit andere unseren Glauben nicht als „alten Hut" erleben?
Und, so der Papst, Christus lebe in den Gesichtern aller, besonders in den Tränen der Ausgegrenzten, Schwachen, Armen. Wer Barrieren überwinde, Vorurteile abbaue und auf seine Mitmenschen zugehe, werde ihn entdecken. Deshalb gehören auch die marginalisierten Kinder und Erwachsenen an den Außengrenzen von Europa zu den Auferstehungsgesichtern. Wer sie übersieht, übersieht den Auferstandenen in unserer Zeit.
Wahrscheinlich ist unsere Aufgabe heute die, die der junge Mann beim Grab im Markusevangelium und die Engel im Johannesevangelium wahrnehmen. Nämlich zu den Menschen zu sagen: „Erschrecke nicht!" „Warum weinst du?" „Unser Herr Jesus lebt!" Und weiter würden sie sagen: „Wenn ihr euch auf ihn einlasst, dann werdet ihr erfahren, dass Lebensfreude, Dynamik, Aufstehkraft, Mut zum Engagement und – damit verbunden – eine immer neue Zuversicht und Hoffnung in euch lebendig werden. Sie ein ungeahntes Plus im Leben."

Jakob Bürgler

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Msgr. Mag. Jakob Bürgler
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